2014 GasthausAls langjähriges Mitglied – seit 1960 – ist es mir ein aufrichtiges Bedürfnis aus gegebenem Anlass einige Worte niederzuschreiben. Naturverbundene, beherzte Frauen und Männer vollzogen am 6. August 1894 die Gründung des Vereins unter dem Namen „Gartenbau-Verein Westend". Das Ziel der Gründer bestand u.a. darin, die Bestrebungen des Arztes Dr. Schreber und des Schuldirektors Dr. Hauschild zu realisieren. Das großstädtische Familienleben sollte eine aktive und sinnvolle Ergänzung an der frischen Luft finden. Es war nicht nur das Ansinnen zu säen und zu ernten, sondern auch das Interesse in die Geheimnisse der Natur einzudringen und die Verbundenheit zur eigenen Scholle.

Foto: Günther Jentzsch - Modernisierte Gaststätte im Frühjahr 2014

Historie 1914 PhoenixNeben der Urbarmachung der Parzellen begannen die Gartenfreunde bereits 1896 mit der Verlegung einer Wasserleitung. Ebenso entstanden Vereinshaus und Geräteschuppen. Im gleichen Jahr nannte man sich um in „Schreberverein Phönix 1894" e.V. Damit sind diese 120 Jahre Geschichte des Vereins ein Bestandteil der gesamten Historie von 150 Jahre Schreberbewegung in Deutschland. Aus Überlieferungen heraus gestaltete sich das Leben im „Phönix 1894" sehr wechselvoll mit Höhen und Tiefen. Im Jahr 1903 ordnete die Stadt Leipzig z.B. an, dass 19 Gärten aufgrund von Bauvorhaben zu räumen sind. Weitere 11 Parzellen büßten ca. ein Drittel ihrer Fläche für die Errichtung eines Zufahrtsweges in die Kleingartenanlage ein.

Abb.: SLK-Archiv

Auch das Vereinshaus musste weichen und wurde zu seinem neuen Standort gerollt. Aus von der Gärtnerei Herzog gepachtetem Areal (ca. 3.000 m²) entstanden 1903/04 neue Gärten. Im Jahr 1923 wurden die Kleingärtner alle „Millionäre", denn die Inflation galoppierte. Im November reichten die Spalten im Buch des Kassierers nicht mehr aus, denn die Pächter hatten vierteljährlich einen Zins von 33.993 Mark zu zahlen.

Trotz einschneidender Ereignisse (Erster Weltkrieg, Inflation, Weltwirtschaftskrise) und täglicher Probleme vergaßen die Mitglieder nicht jene, die noch bedürftiger waren. Der „Schrebergruß", der 1924 vom Kreisverband ins Leben gerufen wurde, war an die Älteren gerichtet, die selbst keinen Garten hatten. Man lud bis zu 40 Senioren jedes Jahr am ersten Sonntag im Oktober zu Veranstaltungen bei Kaffee, Kuchen, Schokolade, Früchten und einer guten Zigarre für die Herren in das Vereinshaus ein, um ihnen Dank und Anerkennung auszusprechen. Ein buntes Kulturprogramm erfreute die Herzen aller und bei der Verabschiedung erhielten die Betagten Blumen und Obst. Die persönlichen Gefühle von Geborgenheit, Glück und Rührung lassen sich nur schwer in Worte fassen.

Historie MilchkolonieDen Mitgliedern des Schrebervereins „Phönix 1894" lagen auch besonders die Kinder am Herzen. Die Milchkolonien sind ein beredtes Zeugnis hierfür. 130 Kinder wurden in die Kolonie aufgenommen und fünf Wochen hindurch mit Vollmilch und Brötchen verköstigt. Die körperlich oft unterentwickelten Kinder sind dem Verein durch die Leiter der 43., 45. und 46. Volksschule nach ärztlicher Untersuchung empfohlen worden. Durch Spendengeber und seitens der Vereinskasse finanzierte man die Milchkolonien. 1925 z.B. wurden 2.250 Liter Milch und 6.750 Brötchen an den Nachwuchs ausgegeben.

Abb.: Archiv Günther Jentzsch - Milchkolonie

Historie HohnerDass Kleingärtner auch auf kulturellem Gebiet bemerkenswerte Talente offenbaren, bewiesen ebenso die Mitglieder im „Phönix" mit dem Mundharmonika- und dem Schüler-Mundharmonika-Orchester, dem Kinderchor, einer Sängergruppe, einem Spielmannszug und einem Theaterensemble. Die beiden Orchester waren noch bis 1963 aktiv und sehr erfolgreich. Besonders beliebt war damals das Lied: „Jeder muss ein Gärtlein haben, sei es noch so klein, wo er harken kann und graben und es nennen sein".

Abb.: Archiv Günther Jentzsch  - Musikgruppe


Die Sommer- und Kinderfeste sind untrennbarer Bestandteil einer langen und lebendigen Tradition der Schrebergarten-Bewegung und die Höhepunkte im Gartenjahr. Seit 1990 bereichern Tiere aus dem Leipziger Zoo dieses Fest im Jahr. Zu Beginn der Gartensaison zieht das Ostereiersuchen seit 1996 die Kinder in seinen Bann. 

Die heutigen Mitglieder des Schrebervereins „Phönix 1894" blicken auf 120 Jahre Vereinsgeschichte zurück, einen Zeitraum mit fünf unterschiedlichen politischen Systemen. Dazu gehören 40 Jahre sozialistische Republik. Nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg erblühte das Vereinsleben erneut und die Aktivitäten der Gartenfreunde wurden zunehmend anerkannt und auch die volkswirtschaftliche Bedeutung der grünen Oasen, wie die Losung des VKSK im Jahr 1964 besagt: „Ein schöner Garten ist ein produktiver Garten". Dies war darauf ausgerichtet, nicht nur für den Eigenbedarf Obst und Gemüse zu erzeugen, sondern für die gesamte Bevölkerung. Verstärkt in den 1970er Jahren ging der Trend zur Elektrifizierung der Kleingartenanlagen (KGA). 1978 war es auch im „Phönix" soweit. Jeder Garten erhielt einen eigenen Stromanschluss mit separatem Zähler.

Die Kleingartensparten wurden im Zuge der politischen Veränderungen 1990 in juristisch selbstständige Vereinen umgewandelt. Die neuen marktwirtschaftlichen Bedingungen zwangen auch die Verantwortlichen im „Phönix" zu neuem Denken und Handeln, denn eine solide und erfolgreiche Vereinsarbeit funktioniert nur mit engagierter ehrenamtlicher Tätigkeit seines Vorstandes und zahlreicher Mitglieder des Vereins, die mit Herzblut an ihrer Parzelle, der Gartenanlage und dem Verein hängen. So lässt sich auch eine sehenswerte Bilanz der vergangenen 20 Jahre ziehen. 

Das leider 1997 einem Brand zum Opfer gefallene Vereinshaus wurde neu, schöner und geräumiger wieder aufgebaut, ein Gesellschaftsraum errichtet und die Außenanlage gestaltet. Liebevoll restaurierten Gartenfreunde alte Lauben und neue kamen hinzu. 

Im Jahr 2003 mussten auf einer Länge von rund 210 m die Rohre der Hauptwasserleitung unter dem Hauptweg ausgewechselt werden. Seit 2010 werden schrittweise die Trinkwasser- und Elektronetze inklusive der Parzellen bis 2016 erneuert. Auf einer Länge von 154 m ist eine neue Außeneinfriedung der KGA montiert worden.

Die Kleinen aus dem Verein und aus umliegenden Kindertagesstätten tummeln sich gern auf dem rekonstruierten Kinderspielplatz mit Wippe, Doppelschaukel und Rutsche.

Die Modernisierung der Vereinsgaststätte ist vom neuen Betreiber im Frühjahr 2014 abgeschlossen worden, so dass das „Gasthaus Phönix", als ein Restaurant für höhere Ansprüche, sein Publikum gefunden hat. Projekte, die in naher Zukunft realisiert werden, sind die Errichtung einer Kompostierungsanlage und die Schaffung eines „Gartens der Begegnung".

2013 Lama Horst 1

Den Leipziger Zoo auf seinem Weg zum „Zoo der Zukunft" mit einer Tierpatenschaft zu unterstützen, darauf sind alle Mitglieder berechtigt stolz.

Mit der 12-maligen Übernahme der Patenschaft für das inzwischen berühmte Lama „Horst" werden wir zum Fest am 12. Juli 2014 unser „tierisches Engagement" erneut bekräftigen.

SLK-Fotos: Lama Horst, Liebling der Kinder (r.) / Ziegen und Lama Horst (l.u.)


2013 Lama Horst 2Das Jubiläum zur 120. Wiederkehr der Gründung wird neue Impulse im Schreberverein „Phönix 1894" freisetzen zur Gestaltung einer auch in Zukunft attraktiven KGA – als Bestandteil des Kleingartenparks West – für die Mitglieder und besonders auch für Gäste sowie die Bewohner des Ortsteils. 

Unsere Gemeinschaft der Gartenfreunde, die nunmehr den Schreberverein „Phönix 1894" in ein neues Jahrzehnt führt, zollt an dieser Stelle den Generationen der Vorfahren Hochachtung und Dank für das Geschaffene, das es zu bewahren, in Ehren zu halten und zum Wohle unserer zukünftigen Kleingärtner zu gestalten gilt.

Günther Jentzsch - Schreberverein „Phönix 1894" e.V.