LK2010NattlIII 1024Die Stadt Leipzig verfügt über 208 Kleingärtnervereine, 60 davon sind älter als 100 Jahre. Die Bezeichnung „Schreberverein“ steht als Synonym und jeder weiß, wovon die Rede ist. Das charakterisiert aber nicht das gesamte Kleingartenwesen und seine Geschichte, denn nicht jeder Verein war ursprünglich ein Schreberverein. Einige wurden als sogenannte Armengärten oder Fabrikgärten gegründet. Größer ist der Anteil derer, die auf die Naturheilbewegung zurück gehen. Daran erinnern bis heute ihre Namen.

Eleonore Hennig / Fotos: SLK - KGV "Naturheilverein Leipzig III" e.V. - KGV "Priessnitz Morgenröte" e.V. - KGV "Verein für naturgemäße Gesundheitspflege" e.V.

Schrebervereine und Naturheilvereine verstanden sich zunächst beide als Erziehungsvereine, die gesunde Erziehung und Betreuung der Kinder und Jugendlichen stand im Vordergrund. Beide Formen haben ihren Ursprung im 19. Jahrhundert, wobei die Entwicklung der Naturheilbewegung etwas früher einsetzt als die der Schreberbewegung. Diese begann mit der Errichtung von Spielplätzen, auf denen Kinder und Jugendliche bei Sport und Spiel betreut wurden. Den ersten Schreberverein gründeten unsere Vorfahren 1864. Zwei Jahre später, 1866, begann Karl Gesell am Rande eines Spielplatzes Beete anzulegen. Das war der Anfang des Kleingartenwesens in Leipzig. Kinderspielplatz und Gärten sind das Wahrzeichen eines Schrebervereins.

 

Sowohl Schreber als auch Hauschild waren Anhänger der Naturheilbewegung. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts nannten sich die Anlagen trotz vorhandener Gärten Erziehungs- und Elternvereine. Im Mittelpunkt standen die leibliche und geistige Erziehung der Jugend und die Förderung eines gesunden Familienlebens.

LK20054785PriMor 1024Die Naturheilbewegung hatte weder mit Spielplätzen noch mit Gärten etwas im Sinn. Die ersten Vereine entstanden in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts zumeist als Vereine der Wasserheilkunde. Es ging um einen gesund erhaltenden Lebensstil. Ihr „Vater“ war Vinzenz Prießnitz (1799-1851), ein Naturheilkundiger und Verfechter der Kalt-Wasser-Behandlung von Krankheiten, die „Selbstheilung“ durch Stärkung der Abwehrkräfte stand im Mittelpunkt. Licht, Luft, Wasser, Sonne, Kälte, Bewegung, Ruhe, eine naturgemäße Lebensführung sowie die eigene Verantwortung für Gesundheit und Wohlbefinden waren das Wichtigste. In diesem Sinne wurden die Kinder und Jugendlichen erzogen.

Der erste Naturheilverein entstand 1835 in Dresden. Seit den 1860er Jahren wurde die vorrangige Erziehung der Kinder und Jugendlichen nicht mehr erwähnt. Vorträge und Belehrungen, die über eine arzneilose Heilweise aufklärten, standen im Mittelpunkt. Dazu diente auch die Zeitschrift „Der Naturarzt“. Das befriedigte auf Dauer aber nicht jedes Mitglied. Die Mitgliederzahl sank. Der Wunsch nach Bewegung und Spielen vor allem für die Kinder wuchs, und einige Vereine errichteten auf gepachtetem Boden Spielplätze. Erst dadurch wurde der Vorstand des „Deutschen Bundes der Vereine für Gesundheitspflege und arzneilosen Heilweise“ zum Umdenken veranlasst. Seit den 1890er Jahren wurden nun mehr Spielplätze eingerichtet. Einige Vereine boten Licht- und Luftbäder an, Freiluftleben und Wanderungen, das Errichten von Ferienkolonien und schließlich die Familiengärten wurden gefördert.

Zu Beginn des 20. Jahrhundert standen immer stärker Sport und Bewegung im Mittelpunkt. Waren es zunächst nur wenige Naturheilvereine, die begannen, auf ihrem Gelände Gärten anzulegen, so nahm ihre Zahl nach der Jahrhundertwende ständig zu. Dem trug auch der „Deutsche Bund der Naturheilbewegung“ Rechnung, er trat dem „Zentralverband deutscher Arbeiter- und Schrebergärten 1909“ bei. Dennoch war das Licht-Luft-Bad möglichst mit Wasser- und Schwimmbecken – getrennt nach Frauen und Männer -  nach dem Ersten Weltkrieg weiter Zentrum der Naturheilbewegung. In den folgenden Jahren verstärkte sich das Bemühen, den Inhalt der Naturheilbewegung zu erhalten und ihn mit dem Kleingartenwesen zu vereinen. Naturheilverein und Schreberverein näherten sich vom Anliegen und der Organisation immer mehr an.

Natürlich verlief der Übergang fließend und kein Verein entwickelte sich von heute auf morgen vom Naturheil- zum Schreberverein. Bis heute vereinen beide Formen in sich sowohl Naturverbundenheit und Förderung einer gesunden Lebensweise vor allem für Kinder und Jugendliche als auch das Nutzen natürlicher Faktoren für Bewegung und Ertüchtigung in der Natur, so dass das Verschmelzen beider Ursprünge folgerichtig war.

LK20054751Natl 1024In den 80er und 90er Jahren des 19.Jahrhunderts gab es in Leipzig 17 Naturheilvereine, die sich den Ideen der Schreberbewegung annäherten. Heute sind es noch zehn Vereine, deren Name auf ihren Ursprung hinweist. Dazu gehören unter anderen der „Verein für naturgemäße Gesundheitspflege Leipzig-Kleinzschocher“ genannt „Nat´l“, der in diesem Jahr sein 125jähriges Jubiläum feierte, die Naturheilvereine Eutritzsch und Gohlis, „Prießnitz-Morgenröte“ und „Gesundheitspflege Schönefeld“.

In einigen Chroniken der ehemaligen Naturheilvereine wird der historische Aspekt nur sehr knapp erwähnt. Das ist aber nicht verwunderlich, denn es gibt nur wenig Literatur, die sich umfassend mit dieser Seite der Kleingartenbewegung beschäftigt. Die Chronisten sind deshalb auf Landes- und Stadtarchiv angewiesen, und das Recherchieren ist zeitaufwendig und sicher auch mühevoll.

Jetzt liegen uns erste Forschungsergebnisse von Herrn Rainer Günther aus DresNaden vor, und der Landesverband Sachsen der Kleingärtner bereitet eine Konferenz dazu vor. Auch wir Leipziger bleiben an dieser Thematik dran. 

Eleonore Hennig