20180407 Metamorphosen 5819Diese Kombination scheint auf den ersten Eindruck für nicht Eingeweihte als abwegig zu erscheinen. Aber weit gefehlt. Gartenfreundin Deborah Jeromin, welche ihre kleine grüne Oase in der Anlage des Kleingärtnervereins (KGV) „Hoffnung-West 1926“ bewirtschaftet, erfuhr in einer Beratung mit Chronisten der AG Traditionspflege des Stadtverbandes Leipzig der Kleingärtner, dass die Seidenraupenzucht einst in den KGV eine besondere Bedeutung hatte.

Beim Blättern in den historischen Unterlagen ihres KGV fand sie, dass in der Kleingartenanlage eine Seidenraupenzucht für die Kriegswirtschaft existierte. Dazu sind ab Frühjahr 1939 rund 5.000 Maulbeerpflanzen gesetzt worden. Nach Befragen gestandener Kleingärtner entdeckte sie Restbestände der Maulbeerbüsche. Diese etwas breit geratenen Hecken waren ihr schon unbewusst aufgefallen. Außerdem erfuhr sie, dass in der Anlage B auf einem Rasenstück hinter Bäumen der sogenannte Seidenraupenschuppen tatsächlich noch vorhanden ist.

Foto - Deborah Jeromin: Dokument "Seidenraupen-Zuchtschuppen"

20180407 Metamorphosen 5831Im Vorstandsbüro entdeckte sie auch einen Ordner mit der Bezeichnung „Seidenraupenzucht“, in den sie sich vertiefte. Das Thema hatte die junge Frau derart gefesselt, dass sie sich ab 2014 tiefgründig damit beschäftigte und intensiv recherchierte. Bereits Ende Oktober 2014 stellte Deborah Jeromin ihr Kunstprojekt „Seidenraupe, Spinnhütte, Fallschirmjäger“, das vom Stadtjugendring Leipzig e.V. gefördert wurde, einem staunenden Publikum im und um den Seidenraupenschuppen vor. U.a. erfuhren die Besucher, dass diese Naturprodukte ein Teil der Rüstungswirtschaft im Dritten Reich waren. Mit einer Zeitzeugin kam die junge Frau dabei ins Gespräch.

Foto - Deborah Jeromin: Der Seidenraupenzuchtschuppen in den Anfangsjahren

20180407 Metamorphosen 5817Deborah Jeromin, damals Studentin an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, verteidigte ihre Diplomarbeit zum Thema „Fallschirmseide – Eine Geschichte von Frauen, Raupen und Jägern“ 2016. Ihre Recherchen führten sie sogar auf die Mittelmeerinsel Kreta. Dort begann am 20. Mai 1941 die größte Luftlandeschlacht der Militärgeschichte mit der Invasion Kretas durch rund 10.000 Fallschirmjäger. Die Bevölkerung leistete erbitterten Widerstand. Die Diplomandin interviewte Kreterinnen, die in der Zeit der Besatzung, in der viele ihrer Männer umgebracht wurden oder weg waren, tagsüber deren schwere Arbeiten erledigten, nachts die Haus- und die textile Handarbeit verrichteten. Die Fallschirme wurden wiederverwendet und umgearbeitet, u.a. zu Haushaltstextilien sowie Unterwäsche.

Foto - Deborah Jeromin: Textil-Objekt Fallschirm in der Ausstellung im Museum der bildenden Künste Leipzig

20180407 Metamorphosen 5837Diese äußerst spannende Thematik der „seidenen Fäden“ hat Deborah Jeromin im März/April 2018 einem noch breiteren Bevölkerungsspektrum – als nur der Gilde der Kleingärtner – im Museum der bildenden Künste Leipzig dargeboten.

Ihr Ausstellungsprojekt „μεταμόρφωσεις – Metamorphosen“ umfasste neben einer Auswahl historischer Dokumente des KGV „Hoffnung-West 1926“ e.V. die Darstellung eines Fallschirms, die Projektion einer Filmsequenz aus dem NS-Lehrfilm Seidenraupenzucht und eine Videowiedergabe der Interviews der Autorin mit den Kreterinnen.

Die agile Gartenfreundin fand ebenso heraus, dass es fünf Leipziger KGV während der NS-Zeit gab, die Seidenraupen züchteten und Kokons zur Weiterverarbeitung an die Spinnhütte Celle lieferten, u.a. der KGV „Mariental“. Von den anderen KGV gibt es bis dato keine Informationen zu diesem weitgehend unbeachteten Kapitel im deutschen Kleingartenwesen.

Foto - Deborah Jeromin: Projektion, Seidenraupe (Clip, entnommen aus dem NS-Lehrfilm Seidenraupenzucht II, 1939)

Lothar Kurth